· 

Gruppenausstellung Corpus Buch – Handgreiflichkeiten

DAS BUCH ALS KÖRPER UND WESEN

Da treibt so manch wortverdichtender Denker eine Vielzahl von frei-flatternden Gedanken in seinem hortus conclusus (Schrebergarten) zusammen, materialisiert sie mit Hilfe seines Denkorgans (von Schiller oberhalb der Gürtellinie verortet) zu einer handgemachten (e manu scribere) und handelbaren (ad usum delphini) und behandelbaren (in affectu) SCHÖPFUNG (poiesis) für gebildete Büchernarren.

 

Die überreiche Ernte aus seiner First-Sellerie-Plantage trägt er – da sie noch nicht laufen – zur Veröffentlichung in eine angesagte Buchkaschemme im Blätterwald. Er setzt die klei-nen Süßen auf die Barhocker an der Bibliotheke und päppelt sie auf mit schwarzen Schillerlocken, weißen Mohrenköpfen und veganem Zigeunerschnitzel für Alle; er spendiert Schnapsideen zur besseren Durchblutung der käsebleichen textlichen Nacktheit – und sieht sich gezwungen eine Runde Altbier anzubieten: den kritisch schielenden Rezensenten, den Bibliomannen, den Bibliofemmen und den Spätalphabetikern unter den Gästen. Fernmündlich bestellt er bei den Amazonen todschicke modische Wortfetzen, um die köstlichen Blößen des Textkörpers aufreizend zu inszenieren – und um die Aktivistinnen der frei-tägigen, wochendendlichen weiblichen Bettlektüre für sich zu gewinnen. Allgemein wirtschafts-orientiert ist die Ummantelung der rundlichen Nacktheit mit Stoffen aus perga-mentalen Zeiten wie auch die teilweise Einkleidung mit straff sitzenden Kunststoffen im Design des Sportdress für scharfkantig-jugendliche Joggerinnen im Blätterwald.

 

All diese Ansammlungen von haptisch-visuellen Reizen am wohlproportionierten, hübsch verkleideten Buchkörper er-scheinen als GUTBUCH auf dem kommerziellen BUCHMARKT als Aufforderung zum Begreifen und zum tieferen Eindringen in Verkörperungen von wesentlichen Gedanken zur Lebensweißheit.

 

Das Frontispiz lächelt einladend, das Inhaltsverzeichnis ist vielversprechend, ein erstes Küsschen bietet das Vorwort; auf das reiche und beglückende Innenleben verweist der Klap-pentext. Und da ist der entzückende Rücken, halbnackt und schlank mit seinem Buchstabentattoo, welches dazu ver-führen kann zuerst im letzten Kapitel die Einhaltung des Lust-Versprechens nachzuschlagen
(a tergo).

 

Diese unwiderstehlichen Aufforderungen zum Hingucken und Befingern animierten seitdem die Freunde des Buchs als Körper und weibliches Wesen zur Mitnahme.

In der Tat klemmte sich alle 11 Minuten ein vereinsamter Buchliebhaber (m/w/d) eine Buchkörperin unter den Arm und schleppte sie ab – evtl. sogar nach Begleichung der Zeche – auf das Sofa im bauhäuslichen Appartement. Zunächst wurde oberflächlich gekuschelt; es folgte die erlesene Bettruhe; am Morgen, nachdem endlich die Lese-brille aufgesetzt war, das kalte Erwachen.


 

Mit Spucke und mit Kaffeesatz beschmutzte Finger halfen die übersehenen Seiten des als Lebensabschnittsgefährten geplanten Buchs aufzublättern. Eselsohren wurden gezupft, Verrisse vorgenommen, handgreifliches Überschreien und Überschreiben sowie luderanisches
An-die-Wand-Werfen ließen die häusliche Gewalt eskalieren – bis zum Rausschmiss auf den Straßenstrich „zum Mit-nehmen“. Tötungsdelikte wurden vertuscht durch die endgültige Einlagerung in das staubfängerische Buchregal mit seinen historischen Verwesungsdüften; die Leichen-schauhäuser der Museen, Archive und Antiquare, die Futtersammelstellen für Bücherwürmer wurden beliefert. 


 

Zudem: Die Kliniken für Organtransplantationen, die Werkstätten für Buchrecycling, die EinMannFrauFirmen für Abfallverwertung, die zündelnden Energieversorger und 
die Playmobil-Kitas wurden mit dem im Buchkörper materialisierten, verwortelten, misshandelten, getöteten Gedankensalat beliefert.


 

Das Buch als Körper und Wesen geriet also letztlich – 
als geschändetes, ermordetes, zerlegtes IRGENDWAS in 
die schöpferischen Hände des Objektkünstlers. 


 

War der Künstler als Illustrator, Illuminator oder Designer bis zum Tode des schönen Buchs nur Dienstleister für ichbezogene Worterzeuger, so wird er im  Buchobjekt/Objektbuch zum Pantokrator eines ganzheitlichen Buch-körpers und Lebewesens, das alle Sprachen spricht, alle Assoziationen aufruft, alle Handgreiflichkeiten wider-spiegelt und alle Gefühle verschmilzt.

 


Das Buchobjekt ist schrecklich-schön wie das Leben; es ist das eigentliche, wesentliche Buch. Ist erst einmal der Madeleine-Buchkörper zermampft und hat der Objekt-macher sein Schlückchen Tee beigefügt – ist der Genießer des Buchobjekts im temps complexe angekommen. 


 

Johann Wohlfang von Hanebüchen



Ausstellungsdauer
18.09. – 17.10.2020

Freitags ab 17 Uhr ART-Cocktail

Öffnungszeiten
Mi, Do, Fr, 16 – 19 Uhr
Sa 12 – 18 Uhr