Sigrid Baumann Senn, "Licht und Schatten" Papierschnitte

Eröffnung Freitag, 6. September 2019 um 20 Uhr

Begrüßung Christina Knauer, 1. Vorsitzende

Einführung durch die Künstlerin

Ausstellungsdauer 7.09. - 28. 09.2019

Lesung am Freitag, 20.09.2019, 20 Uhr „Die Rührschüssel meiner Mutter“ (Buchvorstellung)

 

Sigrid Baumann Senn, geboren in Schwerte, erhielt ihre künstlerische Ausbildung an der WKS Bielefeld und Wuppertal, der Kunstakademie Stuttgart und der Hochschule der Künste Berlin. Aus der freien Grafik kommend beginnt sie 1974 mit der experimentellen Arbeit mit organischen Substanzen. Sie entdeckt den Teig als bildnerisches Arbeitsmaterial. Es entstehen ihre Brotikonen und Teigwandcollagen. Unbeachtete Werkstoffe wie Salz, Asche, Mehl, Sand und Erde werden zu Elementen ihrer Kunst erhoben. Fußspuren, Hitzespuren, Bruch- und Schwemmlinien inspirieren sie zu bildnerischen Erfindungen. Später werden Tafeln aus Papierbrei gegossen mit eingearbeiteten Lichtschnitten. Durch Summierung der Tafeln entstehen große Wandobjekte mit den „Lichtzeichen der Karde“ und den elementaren Strukturen und Spurenlinien in Sand und Asche. Seit 2016 wendet sie sich mit ihren Papierschnitten wieder dem Ursprung ihrer frühen Arbeit zu, die 1956 mit hundert Linolschnitten für eine Schulbibel begann.

Sigrid Baumann Senn lebt und arbeitet als Bildende Künstlerin, Erzählerin und Autorin eigener Geschichten seit 1966 in Stuttgart.

 

IN PAPIER GESCHNITTEN

Meine Papierschnitte sind inspiriert von Blätterschatten an Wänden oder auf Wegen oder ganz einfach aus der Faszination des Spieles von schwarz-weiß, von Zwischenräumen und Formen und der Magie der entstehenden Zeichen. Hinzu kommt die Lust, statt des Pinsels und des Stiftes ein Messerchen in der Hand zu haben, das sich dreht und wendet und der gedachten Form entlang schneidet. Das Bildgewebe darf nirgends durchgeschnitten werden. Ohne Papierhintergrund in die Luft gehalten könnte es ein schwebendes Gebilde vor hellem Himmel sein. Technisch gesehen schließt sich hier der Kreis meines langen Künstlerlebens, das nach meinem Studium der bildenden Kunst mit dem Auftrag begann, für die Schulen in NRW eine Kinderbibel zu gestalten. Ich entschied mich für Linolschnitte, weil es mich reizte, ins Material hineinzuarbeiten um den Widerstand zu spüren. Noch heute habe ich die damals erlernte Fingerfertigkeit in meinen Fingerspitzen, die jetzt gerade – statt den Stichel ins Linoleum zu treiben –, das Skalpell ins Papier schneiden lassen. Mit den sogenannten Wüstenringen erwachte meine Lust zu schneiden wieder. Ich fand sie auf der kargen Sandfläche auf einer Wüsteninsel der Kanaren, über die der Wind hinwegfegte und alles Geäst und Gesträuch mitnahm. Er umkreiste und verknüpfte die Ästchen kunstvoll miteinander und verwob sie zu Kränzen und Ringen und legte sie wie magische Zeichen auf den Sand. Meine Messerchen und ich spielen das Kränze winden des Wüstenwindes nach und fragen uns: Für wen hat der Wind wohl die Kränze gewunden? Sigrid Baumann Senn 2019

 

ZUR LESUNG VON SIGRID BAUMANN SENN am 20.0 9.2019, 20 Uhr, aus ihrem aktuell erschienenen Buch „Die Rührschüssel meiner Mutter“

Die Geschichten meiner Zwillingskindheit haben sich mir in Form von Bildern eingeschrieben zum Zeitpunkt ihres Geschehens. Das gibt diesen frühen Kindheitsgeschichten eine gewisse Authentizität, weil sie aus dem Moment heraus zu Bildern wurden, die ich später nur wie einen Film anzuschauen und zu beschreiben hatte. Darum nenne ich sie wahre Geschichten. Im Jahre 1962, zur Hochzeit meines Zwillingsbruders, habe ich an die zwanzig dieser „Dönekes“ aufgeschrieben und illustriert und heute acht dieser handschriftlichen Seiten in „Die Rührschüssel“ mit hineingenommen. Erst viele Jahre später (1998) überfielen mich die Kindheitsbilder von Neuem bei einer Sandwanderung am Meeresufer einer kanarischen Insel mit meinem stummen Sohn Christoph. Er griff immer wieder in den heißen Sand, ließ ihn durch seine Finger rieseln, um ihn nach Autistenart wieder neu zu greifen und loszulassen. Ich machte es ihm nach und mir war, als ließe ich mit dem Sandspiel mein Kinderleben durch meine Finger laufen, denn in das Fließen mischte sich ganz deutlich ein Bild ein. Der rieselnde Sand hatte sich plötzlich in den haarfeinen Sandstrahl aus Mamas Eieruhr verwandelt. Und so floss Bild für Bild heraus aus dem Bilderspeicher meines Kindheitslebens. Ein lebendiger Film kam da herauf in meine Gegenwart mit Farben und Gerüchen, dem Klang der Verse und Lieder und den Gefühlen meiner Kindheitsseele.

Was mir die Bilder diktierten aus der Zeit vor, in und nach dem Zweiten Weltkrieg, in den wir hineingeboren wurden, habe ich aufgeschrieben. Als wollte ich ein verlorenes Paradies sichern. Ganz nach den Worten von Jean Paul: „Erinnerung ist das einzige Paradies aus dem wir nicht vertrieben werden können.“