Vernissage

Freitag, 29. Juni 2012, 20:00 Uhr

Begrüßung

Edgar Kuczera, 1. Vorsitzender

Einführung

Prof. Christoph Brudi

Ausstellungsdauer

29.06. - 21.07.2012

 

Wolfgang Tochtermann

"Vibrationen"

"Alles, was nur irgendwie schön aus sich selbst ist, ist schön und gut in sich selber. Das Lob bildet keinen Teil von ihm. Denn ein Ding, das gelobt wird, wird dadurch weder schlechter noch besser." Marc Aurel

"Diese Ausstellung ... ist eine visuell anregende Schau einer interessanten Mischung aus Ratio und künstlerischem Einfall.
Die Trilogie von Ordnung, - kreativem abenteuerlich-Unvorhersehbarem - und von handwerklicher Disziplin sind deren Eckpfeiler." Prof. Christoph Brudi

 

Prof. Christoph Brudi über Wolfgang Tochtermann

Meine Damen und Herren,
Liebe Gäste, Liebe Mitglieder bei lnterart,
Lieber Wolfgang Tochtermann,

ich freue mich, Ihnen heute den Künstler der letzten Juni-Ausstellung 2012, bei INTERART nicht nur anzukündigen zu dürfen, sondern auch den Versuch machen zu können, ihn als Mensch und als Gestalter aus meiner Sicht zu beschreiben und vorzustellen.
Zu dieser Einführung, so quasi als Prolog, ist mir eine kluge 1.870 Jahre alte Textstelle aus den "Selbstbetrachtungen" des Römischen Kaiser Mare Aurel in die Hände gefallen. in der dieser sagte:


"Alles, was nur irgendwie schön aus sich selbst ist, ist schön und gut in sich selber. Das Lob bildet keinen Teil von ihm. Denn ein Ding, das gelobt wird, wird dadurch weder schlechter noch besser."


Das behaupte ich auch von den Dingen, die in weiterem Sinne schön genannt werden. z.B. von materiellen Gegenständen und von Werken der Kunst.
Nun gar das wahrhaft Schöne, was hälfte es nötig? Ebenso wenig wie das Gesetz, ebenso wenig wie die Wahrheit, das Wohlwollen, die Ehrfurcht etwas nötig haben.
Welches von diesen Dingen wäre deshalb schön, weil es gelobt wird, oder ginge deshalb zugrunde, weil es getadelt wird?! Wird etwa der Smaragd schlechter, als er vorher war, wenn er nicht gelobt wird?! Und wie ist es mit Gold, Elfenbein, Purpur. einer Leier, einem Schwert, einer Blume oder einem Strauch?"

Bevor ich aber einiges über die Kunst hier sage, zunächst etwas zur Person des hier ausstellenden Künstlers:


Wolfgang Tochtermann stammt aus emer alten Stuttgarter Familie, die sich aus zwei Zweigen - einem französischen Teil, dem seines Vaters - und einem schwäbischen Teil, dem seiner Mutter zusammensetzt.


Diese beiden Nationalitäten spielen in seinem beruflichen- künstlerischen und privaten Lebenslauf
eine nicht geringe Rolle.
Nach seinem Abitur in Stgt. bewarb sich W.T. als Student an der Fakultat für Architektur an der Techn.Hochsch. Stgt., heute Univ. Stgt., die damals noch Kriegsbedingt in der Kunstakademie auf dem Weissenhof untergebracht war.

Zum damaligen Zeitpunk1 beherrschte eine kleine Gruppe von renomierten Architekturprofessoren wie Volkart, Gutbrod, Wilhelm, Roff Gutb1er und andere die prosperierende Stuttgarter Nachkriegs-Bau-Szene. Ob diese Entwicklungsphase damals für Stuttgart ein Gewinn war, ist auch im Hinblick auf die regional-politischen Köpfe dieser Periode, eine andere Frage.

Wolfgang Tochtermann studierte zu dieser Zeit bei interessanten Hochschullehrern, die z.Teil noch aus dem Bauhaus kamen, wie beispielsweise Prof. Debus. auch Roland Dörfler, ein hervorragender Zeichner, oder Prof. Wenzel, ein bedeutender auch wegen seiner Strenge bei uns damaligen Studenten, gefürchteter Kunsthistoriker.


1966 verliess W T Stuttgart und ging nach Paris, wo er bei dem bekannten Architek1en Pierre
Vargo dessen Mitarbeiter wurde. Vargo war übrigens der Begründer der "Internationalen Architek1ur
Union"
Projekte an denen W.T. maßgeblich mitarbeitete waren dann in Tunis, in Luxemburg, u.a. auch Kloster Nazareth und anderen Baustellen.
Paris war zu dieser Zeit für uns junge deutsche Studenten das Land an dem wir uns kulturell orientierten. Camus und Sartre waren u.a. die Lek1üren. Man trampte perAutostop nach Paris, trieb sich mit dem ausgeliehenen Fotoapparat in den
Pariser Hallen früh morgens herum, hörte auf dem Mont Parnass den unvergesslichen Sydney Bechet mit seinem Jazz-Tenorsaxophon oder beim frugalen Studentenfrühstück zusammen mit den Kommilitone George Brassens, die Piaf oder die junge Juliette Greco auf Schelllack-Schallplatten. Ich glaube
die wunderbare Greco singt heute mit über 80 noch ihre Chansons.


Diese Orientierung wurde von nachfolgenden Studentengenerationen später dann auf ein anderes Milieu, vor allem das Englands und der USA projeziert.
Dieser englisch/amerikanische Einfluss löste die kulturelle Orientierung gegenüber Frankreich in den 60er - 70er Jahren dann sukzessive ab.

1968 erhielt Wolfgang Tochte. eine Einladung zurück nach Stgt. um an den Erweiterungs -Neubauten der Universität Hohenheim eine der drei Planungssektionen zu leiten. Er war dort 8 Monate tätig, um dann wieder zurück nach Paris zu gehen, wo ihm die attraktive Gelegenheit geboten wurde bei der
UNESCO seine Architekturkarriere fort zu setzen.


Die UNESCO war dann auch ab 1969 der Ausgangshafen für viele internationale architektonische Aus-/Inlandseinsätze in Ländern auf verschiedenen Kontinenten der Weit. ln der Einsicht, den Architektennachwuchs in gewissen Ländern zu fördern, gründet Wolfgang Tochtermann im Auftrag der UNESCO in Dakar ein Ausbildungsinstitut für Architektur im Senegal.
Zur Überraschung dortiger politischer Machthaber entwickelte sich dieses Institut sehr schnell international.

Neben der Majorität arabischer Studenten, fanden sich dort auch Studenten aus vielen afrikanischen Ländern sowie auch aus den USA und Europa ein. Diese Schule errang schnell emen internationalen Standard und Status.
Die anschileßende Initiative W.T's. eine vergleichsweise ähnliche Archtektur-Ausbildungsstätte über die UNESCO in Kamerun zu gründen führte wegen der spezifischen, gesellschaftlichen Struktur und den dortigen politischen Kräften nicht zu dem erstrebten Ziel. Es war ihm dann leider nicht vergönnt, diese Vision in gleicher Weise wie im Senegal zum Erfolg zu führen.

Neben solcher kulturpolitischen Projekte wurden auch eine Reihe von konkreten Architekturvorhaben unter seiner Leitung in der Ägide der UNESCO realisiert. Das waren Stadtregionalplanungen und staatliche Bauten vorwiegend in afrikanischen- und arabischen Staaten. Daneben veröffentlichte Wolfgang Tochtermann in seiner Berufslaufbahn, so quasi nebenbei, viele Fachstudien.
Das Thema Nepal, im Zusammenhang mi1 seinen verschiedenen beruflichen Reisen dorthin, wäre hier ein weiteres umfangreiches Thema, das hier aber nur margmal erwähnt werden kann.

Die Architektur-Vita von Wolfgang Tochtermann fort zu setzen wäre interessant und gewiss nicht unangemessen. Wir befinden uns allerdings hier nicht im lnstitut für Architektur und Auslandsbeziehungen, sondern bei INTER ART, einer Plattform für freies, visuelles, künstlerisches Gestalten. Und so stellt sich natürlich die Frage: Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Es ist nicht überraschend. daß sich eine kreative Person wie Wolfgang Tochtermann neben seinem beruflichen Alltag noch Zeit genommen hat, sich mit der rein visuellen Seite seiner Wahrnehmungen zu beschäftigen.
Mit Objekten, die sowohl seinen Beruf. wie auch seinem kulturellen und künstlerischen Interesse geschuldet sind.
Man kann sagen, daß seine jüngsten Arbeiten die wir hier sehen können, vorwiegend in einer Zeit nach seinem Rückzug aus dem aktiven beruflichen Umfeld der Architektur ab 1996 entstanden.
Ein gewisser Ubergang von der Architektur ins visuelle Gestalten konnten wir vor einem Jahr beispielsweise
in einer Ausstellung von künstlerisch sehr ambitionierten Fotodokumentationen zum Thema "Brücken" an den Wänden der interessanten Degerlocher Buchhandlung und Galerie Ecke! sehen.
Diese Brücken, aus verschiedenen Ländern dieser Weit, zumeist stahltechnisch und vernietet - analog des Pariser Eilelturmes, hat Wolfgang Tochtermann in ungewöhnlichen Perspektiven mit der Kamera aufgenommen.
Die Fotographien strahlen eine Faszination aus, die für uns heute das Zeitalter der Gründerjahre, bis hin in die Zeit z.B. Döblins "Aiexanderplatz" der 20er-30er-Jahre repräsentieren.
Daneben ist jetzt eine Foto-Serie bei ihm in Arbeit, die sich mit dem, hier in Stuttgart hochaktuellen Thema, der Ästhetik alter, klassischer Bahnhöfe befasst.
Jetzt, - meine Damen und Herren stehen wir hier bei INTERART vor einem ganz anderen künstlerischen Thema Wolfgang Tochtermanns, der Arbeit mit dem Medium der Collage. Diese Arbeiten stellen eine sehr kontemplative Seite seiner Persönlichkeit dar.

Irgendwann begannen wahrgenommene Strukturen und Rapporte bei ihm ein subjektives Eigenlebenzu entfalten und in der hier gezeigten Form in Papier-Unikate zu verdichten.
"Rapporte", in diesem Zusammenhang ist ein Begriff, der nicht ganz ohne Wiederspruch hier verwendet werden kann. Rapporte, sind Musterwiederholungen, wie wir sie beispielsweise auch im Bereiche der Texilgestaltung kennen. Übrigens war Wolfgang Tochtermanns Mutter, in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, Entwerferin für Texile Muster und auf diesem Geb1et beruflich erfolgreich.
Rapporte begegnen uns in allen Bereichen des Lebens. Sei es in den Architekturfassaden Egon Eiermanns, seien es die schon erwähnten Textilrapporte, seien es die Laugebrezeln auf dem Fließbändern der Backwahren· ketten, oder der Musterwiederholungen auf dem Körper einer Schlange.
Die Kunst. z.B. Böden mit komplizierten, hauptsächlich geometrischen Mustern zu verzieren wurde vorwiegend von den Byzantinern voran getrieben und ab dem 11. Jahrhundert in Italien weiter entwickelt.
Die Technik der komplexen Stein-Rapporte auf Fussböden und Architekturelementen werden als "Kosmatenarbeit" bezeichnet. Dieser Name geht auf eine Familie römischer Architekten, Bildhauer und Mosaikarbeiter zurück. Während die byzantinische Kunst einen wichtigen Einfluss auf Italien hatte, war
es die arabische Kultur ebenfalls - nicht nur auf das südliche Spanien. Aber man kennt Musterrapporte schon aus dem Neolithikum, d.h auf Keramiken der Steinzeit.

WolfgangTochtermanns Arbeiten gehen jedoch darüber hinaus, sie benützen handwerkliche Begriffe wie "Collage" oder "Rapport" als Werkzeuge.
Weerkzeuge in erster Linie, illusionistische- man könnte fast sagen: psychedelische Struktur- und Farbwirkungen zu erzeugen.
Eigentlich, so möchte ich meinen, nähert sich sem Thema einem philosophischen Sujet.

Und so tangieren die visuellen Phantasien Wolfgang Tochtermann's wieder seinen früheren Wirkungsstätten im Orient und all dessen was sich während seiner reichen, beruflichen Tätigkeiten z. B. auch in Afrika und Arabien in seinen Erinnerungen so angesammelt hat.
Nun aus dem handwerklichen Nähkästchen zu plaudern ist in diesem Zusammenhang als Frage schon legitim.
Ein Kunstwerk wird allerdings nicht dasswegen besser für den Betrachter, weil dieser einiges über dessen handwerklichen Entstehungsvorgang weiß und wird auch nicht besser, wie Marc Aurel sagte, wenn es gelobt wird.
Einsichten dies bezüglich können aber doch zum besseren Verständnis verhelfen.
So hat uns Wolfgang Tochtermann vor kurzem die Fotografie eines arabischen Wand-Scrafiti gezeigt, das er in diesem Jahr während eines UNESCO-Kongresses beim "Arabischen Frühling" in Kairo aufgenommen hat. Dieses Foto reproduzierte er mehrfach, um es dann in sich wiederholenden Streifensegmenten wieder zusammen zu montieren. Es befindet sich hier an e1ner dieser Wände.

So ergeben seine Arbeiten in ihrer strukturellen Illusion oft ganz verschiedene Materialeindrücke.
Eindrücke die an gewebte Berberteppiche, an kühle, silbrig wirkende Steinschichtungen oder auch an erdige und florale Vorlagen erinnern. Eine ästhertische Nähe zur Architektur ist spürbar.

Diese Ausstellung, meine Damen und Herren ist das Gegenteil ausufernder Hippie-Psychodelik, die wir noch aus den 60er- bis 80er Jahren des 20. Jahrhunderts kennen. Sie ist auch nicht Gegenstand einer rationalen technisch-reprografischen Haltung. Sie ist eine visuell anregende Schau einer interessanten Mischung aus Ratio und künstlerischem Einfall.

Die Trilogie von Ordnung, - kreativem abenteuerlich-Unvorhersehbarem - und von handwerklicher Disziplin sind deren Eckpfeiler.

Ich wünsche Wolfgang, daß er seinen künstlerischen Weg in dieser Weise so konsequent weiter gehen kann, wie er seinen beruflichen Lebensweg bisher gegangen ist. Und ich wünsche ihm noch viel Zeit zur Realisierung neuer Visionen.
Daß seine Arbeiten "zeitlos" und von gestalterischer Qualität sind, liegen auf der Hand und bedürfen eigentlich nicht der Philosophie Mare Aurels.
Ihm und dieser Ausstellung ·die hiermit eröffnet ist, nun alles Gute und viel Erfolg!