Vernissage

Freitag, 30. März 2012, 20:00 Uhr

Begrüßung

Prof. Klaus Bushoff, 2.Vorsitzender INTER ART

Einführung

Prof. Christoph Brudi

Ausstellungsdauer

30.03. - 21.04.2012

 

Michael Herold

"Malerei und Grafik"

"Ein ganz besonderes Augenmerk war und ist ihm aber alles das, was über das rational und visuell Planbare geht.

Es ist das Instinkthafte, was den Meisten Menschen im Verlaufe der Evolution wohl abhanden gekommen sein mag.

Bei jedem guten Künstler - von denen es allerdings nur wenige gibt - muß dieser Urinstinkt angelegt sein, der bei frühen Naturvölkern Garant für´s Überleben war."

(Prof. Christoph Brudi)

Prof. Christoph Brudi über Michael Herold

Meine Damen und Herren,
liebe Freunde, liebe Künstlerkollegen,

die heutige Ausstellungseröffnung der Arbeiten von Michael Herold in Form einer kleinen Vorlesung zu begleiten, -  ist mir ein Vergnügen.

Allerdings mehr auf dem Gebiet der Auseinandersetzung mit dieser speziellen Kunst und weniger im Metier der Rede.

Keinewegs wäre es mir aber ein Vergnügen, verbale Sinn- und Worthülsen, dessen was uns bei Eröffnungen oft so zugemutet wird, - hier zu den Arbeiten Michael Herolds zu verbreiten. Ich hoffe dem gerecht zu werden.

Wir ertragen Eröffnungsreden normalerweise geduldig, nicht weil wir vielleicht nicht Lust hätten, dem Redner ins manchmal qualvolle und intelektuell verschwurbelte Wort zu fallen, - sondern weil wir den Künstler, der in dieser Situation dem Redner ziemlich hilflos ausgeliefert ist, -  nicht noch den Abend verderben wollen und zudem allen Vernissage-Gästen.

Über die Arbeit von Michael Herold zu sprechen ist nun hier meine Absicht. Ich betone über seine Arbeit und nur sekundär über ihn als Mensch, eher noch über ihn als Künstler. Vielleicht ein wenig über seinen Werdegang.

Und das soll nun gewiß keine >memoria<-Rede werden, die sich ja oft  als ein Kitsch-Ritual akademischer Vernissagenevents darstellt.

Wir sind hier mit der Kunst Herolds konfrontiert: -  Und das ist ja so leicht dahin gesagt.

Stellen wir uns vor, dass sich einer, den wesentlichen Teil seines Lebens, seines aufgewachten Lebens mit visueller Form, mit dem Phänomen Farbe mit der Organisation von Linie und Fläche, mit dem Dialog von Hell und Dunkel auf der Fläche und mit dem Bemühen, klar gedachte und empfundene Zielesetzungen zu bewältigen außerordentlich professionell beschäftigt hat. Dieser Prozess hat grob gesagt bei ihm ein halbes Jahrhundert statt gefunden und ist hier nur in Teilen sichtbarerFakt.

Was sind die Voraussetzungen, die zu solch kontemplativer Beschäftigung führt und was sind die warscheinlichen Gründe die dazu führen, daß jemand sich diesem Themenkreis so hartnäckig widmet?

Diese Frage richtet sich zunächst an den Werdegang und ist weniger eine Frage an den Künstler.

Da ist in den Anfängen ein hoch sensibler junger Mann, der wohl das  Glück hatte, verschiedenen kompetenten Künstler- bzw Lehrerpersöhnlichkeiten zu begegnen. Ob das Zufall oder Fügung war, lassen wir dahin gestellt. Ich  persönlich neige eher zur Fügung.

Als älterer Mensch und selbst im Metier habe ich gelernt dem Zufall zu mißtrauen. In jedem Falle aber mich mit dem Zufall zu arrangieren.Mit dem Wunsch sich im Bereiche des visuellen Gestaltens zunächst helfen lassen zu müssen, belegte Michael Herold als junger Mann die Abendkurse von Prof. Hugo Peters an der Stuttgarter Kunstakademie. Dort wurden die Voraussetzungen geschaffen, daß er die erste Hürde nehmen konnte, nähmlich die Aufnahmeprüfung an diesem staatlichen Institut zu bestehen.

Dem folgte dann das offizielle Studium bei Prof.Peters, in der so genannten Grundklasse -  und Peters erkannte seine Begabung schnell.

Ab diesem Punkt kann man davon reden, dass dort die konkreten professionellen Grundlagen für seinen späteren Beruf gelegt wurden.

Hugo Peters, dieser hervorragende Grundklassenlehrer, war übrigens ein Schüler Prof. Ernst Schneidlers und wird zur so genannten “Stuttgarter Schule” gerechnet, die in zwei Dritteln des letzten Jahrhunderts gleichbedeutend mit dem Bauhaus in Weimar, -  wohl zu den wenigen und progessivsten Ausbildungsstätten in Deutschland gehörte.

Das besonders gewichtige Fachstudium belegte Herold anschließend in der Grafikklasse bei Prof. Eugen Funk. Hier begegneten sich, - ich möchte sagen - in idealer Konstellation, zwei Künstlerpersönlichkeiten:     
der junge Kunstschüler Michael Herold und der hochprozentige, mit allen künstlerischen und handwerklich-technischen Wassern der Professionalität gewaschene Lehrer Prof Eugen Funk. Ebenfalls übrigens Schneidl.-Schüler.

Während dieser Studentenjahre entwickelte sich ein ganz besonderes Meister / Schüler Verhältnis zwischen beiden, das sich in späteren Jahren zu einer Freundschaft verdichtete. Immer aber mit dem gebürenden Abstand der damals selbstverständlich war: Herr Herold, -  Herr Professor Funk.

Funk war ein strenger, unerbittlicher - auch in der Studentenschaft gefürchteter Lehrer. Herold war ein wissbegieriger, begabter  und neugieriger, manchmal auch aufmüpfiger Student.

Oftmals sagte Funk beispielsweise zu seinem Schüler Herold am Samstag vormittag im Atelier:  “Herr Herold kommen sie morgen (also am Sonntag) in die Lithografiewerkstatt, wir wollen am Lithgraphiestein mit verschiedenen -
Graphithärtegraden experimentieren”.

Damals fragte kaum ein Professor nach seinem Stunden-Deputat und wir Studenten fühlten uns geehrt, mit dem Chef am Sonntag Morgen arbeiten zu dürfen.

Es gäbe da natürlich noch viele Episoden zu erzählen, die die Verhältnisse an der Stuttg. Akademie damals bezeichnend illustrieren würden.

Über diese Studienjahre sollte aber Michael einmal einen eigenen Erinnerungsbericht schreiben, denn diese Art des künstlerischen und handwerklichen Experimentierens und begleiteten Studierens sind warscheinlich in dieser Form Geschichte und werden sich vermutlich so nicht wiederholen.

Nach seinem Studium und in der beruflichen Praxis schuf Herold dann  in Fachkreisen sehr beachtete sogenannte Gebrauchsgrafik. Ohne Übertreibung entstanden in diesen Jahren hunderte von Plakaten  in seinem Stutt-
garter Messeatelier. Er setzte bis zu seinem Abschied aus dieser Szene grafische Maßstäbe nicht nur für die Messe in Stuttgart.

Herold und unsere ganze Generation hat die strukturellen- und in dieser Form radikalen Veränderungen dieses Berufes zwangsläufig von Anfang an begleiten müssen.

Bis in die 80-er Jahre war der Gebrauchsgrafiker noch ein vorwiegend gestalterischer Beruf, dem breites grafisch-technisches Wissen zur Seite stehen musste.

Dem folgten bei der gleichen Tätigkeit Änderungen der Berufsbezeichnungen von Gebrauchsgrafik, über Grafik Design, Visual-Design, Visuelle Kommunikation bis heute zu Kommunikations-Design.

Ich erwähne das bei dieser Gelegenheit, weil sich das Berufsbild zum Beispiel hinsichtlich der Verantwortlichkeit gegenüber einem grafischen Produkt radikal verändert hat. Ein grafisches Produkt durchlief nach dem Entwurf und der Reinzeichnung durch den Grafiker anschließend noch etwa 5 grafisch-technische Spezialberufe bis es gedruckt wurde. Das waren der Layout-Setzer, der Reprofotograph / der Chemigraph / der Lithograph bis die Vorlage beim Drucker landete.

Am Ende von Herolds Tätigkeit als Grafik-Designer bei der Messe Stgt.bündelten sich alle diese Tätigkeiten, außer dem Druck, bedingt durch den Computer verantwortlich und praktisch ausschließlich bei ihm bzw. beim Grafik-Designer.

Diese erfolgreiche berufliche Laufbahn hat allerdings auch nicht wenig mit Herolds freier künstlerischer Arbeit zu tun. Oder umgekehrt. Übrigens war Willi Baumeister zunächst auch ein so genannter “Gebrauchsgrafiker”.

Dieses Tätigkeitsfeld war Garant für Michael Herolds konsequente
Haltung gegenüber gestellten oder im freieren Bereich selbstgestellten Aufgaben. Ratio war selbstverständlich auch der souveräne Umgang mit den notwendigen Techniken.

Ein ganz besonderes Augenmerk war und ist ihm aber alles das, was über das rational und visuell Planbare geht.

Es ist das Instinkthafte, was den Meisten Menschen im Verlaufe der Evolution wohl abhanden gekommen sein mag.

Bei jedem guten Künstler - von denen es allerdings nur wenige gibt - muß dieser Urinstinkt angelegt sein, der bei frühen Naturvölkern Garant für´s Überleben war.

Die Künstler heute müssen diesen Instinkt zunächst erkennen, dann pflegen und kultivieren.

Geht es, wenn man Glück hat, dabei doch ums Überleben der eigen Kunst. Häufig auch um das existentielle Überleben des Künstlers selbst. Ebenfalls notwendige Fähigkeiten zum merkantilenn Denken, lasse ich hier aussen vor.

Bei Michael Herolds eigener großer künstlerischer Sensibilität war er jedoch immer unerbittlich zu sich selbst, in der Forderung nach Qualität in allen Bereichen des Gestaltens.

Heute wollen wir uns hier ausschliesslich mit seiner freien Kunst beschäftigen.
Ohne Unterbrechung und ohne Zäsur hat er seinen künstlerischen roten Faden verfolgt, der heute bei diesem momentanen Zwischenstopp bei
INTERART sichtbar ist.

Die geistige Positionierung, die in diesen hier gezeigten Arbeiten zum Ausdruck kommt, ist seine ganz eigene Präposition. Das heist, es ist im beeindruckend gelungen, das Verhältnis dessen was erreicht wurde und dem was er wollte und angestrebt hat, in Übereinstimmung zu bringen.

Dieses konnte aber nur gelingen, weil es ihm möglich war, seine Fähigketen gefühlsmäßig ordnend, in das komplizierte aber nur scheinbare Durcheinander aller notwendigen  gestalterischen  Teilbereiche einzubringen.
Dieses scheinbare Chaos  zu organisieren und in subjektive Kreativität zu verwandeln ist ein wesentlicher Teil dieser Leistung.

Kunst kann Unsichtbares nur dann sichtbar machen, wenn sie auch jene undeffinierbaren Komponenten berücksichtigt, die den geistigen Schwingungswert bestimmen.

So ähnlich hat sich Paul Klee einmal ausgedrückt.

Bei einer anderen Ausstellung von Michael Herold wurde gesagt:
Obwohl seine Bilder in ihrem materiellen Vollzug eindeutig deffiniert sind, entziehen sie sich im Ramen der Interpretation durch uns, dem Puplikum jeder Form einseitiger Auslegug. Dem stimme ich zu!

Herolds Kunst wird von Gesetzmäßigkeiten, gewissen Ordnungs- und Gestaltungsprinzipien getragen und sie verlangt paradoxerweise aber auch vehement die größten Freiheiten.

Wir werden hier also von einem visuellen Magier verzaubert, der sich nicht hinter zugegebenermassen raffiniertem Handwerk versteckt, der sich auch nicht inhaltlich vordergründiger, politischer Botschaften oder literarisch-intelektueller Prothesen und Orientierungs-Systemen bedient.

Hier findet eine ausserordentlich subtile und disziplinierete Demonstration, man könnte sagen von gefühlsmäßig breit deponierter lárt pour lárt statt.

Es ist mir durchaus bewußt, meine Damen und Herren, daß das Wort “diszipliniert” als “Un-Wort” im künstlerischen Vokabular mißverstanden werden kann.

Natürlich macht es Mich.Herold dem einen oder anderen von uns auch nicht leicht die Bilder zu dechiffrieren, indem er sich zum Beispiel wohlklingender Titel verweigert. Und die Bider entziehen sich in ihren überzeugenden abstrakten  Formulierungen eindeutig einer einseitiger Auslegbarkeit der literarischen Interpretation.

Wer sich also auf die Kunst Herolds einlassen will, muss sich die Frage stellen:  Bin ich bereit mich auf den Weg zu machen um mich mit all meinen Sinnen und Antennen auf dieses Terrain zu begeben? Habe ich die Ausrüstung zu einer solchen Expedition? Vereinfacht gesagt:  bin ich des lesens von solchen Bild-Organissationen kundig?
Die Botschaften dieser Bilder liegen auch in der vielschichtigen Noblesse ihrer Darstellungen. Wie schon gesagt, sollte man nicht glauben, daß die Verweigerung wohlfeiler Titel gleichbedeutend ist mit dem Mangel an Bildinhalten. Ganz im Gegenteil!

Besonders  spannend in diesem Zusammenhang sind Herolds Nebeneinanderstellungen von Bildabsichten bzw. Variationen zu verschiedenen Themen. Diese Vielfalt des Formulierens einer speziellen Bildidee verrät uns auch ein wenig mehr über die Methodik seiner Bildfindungen. Nicht nur dann, wenn wir partout nach Inhalten suchen wollen.

Es ist ein großer Gewinn und Glücksfall für Interart, daß diese Arbeiten heute hier gezeigen werden können.

Andererseits ist es bedauerlich für die Stuttgarter Kunstszene, daß ein Künstler wie Herold, nicht z.B. im Kunstverein am Schloßplatz gezeigt und wahrgenommen werden kann, wo mehr Platz für sein Werk vorhanden gewesen wäre.  Zumal sein Oevere - um es bescheiden auszudrücken - das qualitativ und quantitativ Vielfache dessen zu bieten hat,  was uns oft in den großen Häusern zugemutet wird.

Liebe Gäste, liebe Freunde, durch ihr Kommen zeigen Sie, daß Sie keine Scheu davor haben, sich heute mit uns auf das Abenteuer einer Auseinandersetzung mit Michael Herolds Arbeiten einzulassen.

Ich wünsche meinem Freund und Kollegen viel Erfolg für diese wunderbare Schau klassisch-moderner Malerei und wünsche ihm, auch neben all unseren heißen Diskussionen die wir in den letzten 25 Jahren über unsere Kunst und deren Zukunft in Stuttgarter Cafes geführt haben, - natürlich auch einen gewissen kommerziellen Erfolg!...Ich weiss schon, das hört er jetzt nicht gerne.       

Ich danke Ihnen.