Vernissage

Freitag, 07. September 2012, 20:00 Uhr

Begrüßung

Edgar Kuczera, 1. Vorsitzender

Einführung

Clemens Ottnad

Ausstellungsdauer

07.09. - 29.09.2012

 

Katrin Ochs

 

Biographie

2007 Freie Malerei: Diplom, Staatliche Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart
2003 Textil Design: Dipl.-Ing., Fachhochschule, Reutlingen
1997 Abitur, Evang. Heidehof-Gymnasium, Stuttgart
1977 geboren in Stuttgart

Clemens Ottnad über Katrin Ochs

Sehr geehrter Herr Kuczera, meine sehr geehrten Damen und Herren !

Katrin Ochs macht immer ordentlich Tempo und das nicht etwa nur in einem einzigen Bereich. Mit ihren facettenreichen Papierarbeiten, Malereien und Objekten verdeutlicht die 1977 in Stuttgart Geborene in der Ausstellung augenfällig, wie vermeintlich ganz unterschiedliche Bereiche - verschiedene Themen, Tätigkeitsfelder und Motive - miteinander in Beziehung stehen; nein!, bei Katrin Ochs eben gerade nicht stehen, mitnichten also unbeweglich sind, nirgends stehen, sondern vielmehr gehen, laufen, fortlaufend in Sequenzen, auch gegenläufig wiederkehrend, in ständiger Bewegung sich jedenfalls befinden.

Eindrücke ausgedehnter Reisen fasst sie dabei in Bildfolgen zusammen, die in ununterbrochen andersartig fokussierenden Wechseln Szenen, Orte und Personen, Landschaften, Dinge und Details aus verschiedenen Blickwinkeln zeigen, mal summarisch skizziert und mal nahsichtig forscherisch bestaunt, mal in vibrierend staccatokurzen Bleistiftstricheleien schnell niedergeschrieben und dann wieder als exakte farbgefasste Pflanzenstudien mit der Freude am Stofflichen ausgebreitet werden, und somit im spektralen Zusammenspiel dieser Momentaufnahmen komplexe Wandbilder- multimobile Augenteppiche - ergeben, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, dickichte Wälder und Blumenmeer allover, auf offener See, an der Reling und unter Deck, ja noch mit Fischlein unter Wasser zwischen Schlingpflanzen schwimmend, und schliesslich dann zuletzt

- Cut! - 

den Schlüssel, der schier nebensächlich verloren in der Darstellungsecke links unten liegt, wieder abzugeben, dann doch wieder zurückzukehren, oder aber andererseits aufzubrechen, loszugehen, in jedem Falle in Bewegung sein in einem fort.

Die genannten dynamischen Wechsel optisch-visueller Eindrücke erstrecken sich dabei auch auf die Vielfalt der von Katrin Ochs verwendeten Formate, Mal- und Zeichenmittel und die eigentlichen Bildgründe selbst. Auf handflächenkleinen Papieren können bereits unterwegs auf Reisen spontane Impressionen unmittelbar und schnell zeichnerisch fixiert werden, bevor sie zu einem späteren Zeitpunkt (an anderem Ort, im Atelier oder wo auch immer) - gewissermassen ein umfangreicher Ideenspeicher, vielgestaltiges Erinnerungsarchiv- wieder neu aufbereitet werden.

Über die klassisch konventionellen Darstellungsträger wie Bütten, Leinwände oder Holztafeln u.ä. hinaus finden die derart angereicherten zeichnerischen Versatzstücke ebenso Verwendung für gänzlich ungewöhnliche Bildarrangements, die von zart wimmelbildigen Papierfächern reichen (und sich so in japonismische Traditionen einreihen) bis hin zu materialen Assemblagen, die bisweilen die Dimension ganzer Bühnenbildentwürfe einzunehmen vermöchten, inmitten derer die Künstlerin auch schon allerhand geheimnisvoll agierendes Handlungspersonal in Szene gesetzt hat.

Das Unterwegs- und das Auf-Reisen-Sein findet seine selbstverständliche bildnerische Entsprechung in der intensiven Auseinandersetzung mit dem Laufthema, das die Künstlerin und Sportlerin seit vielen Jahren schon beschäftigt.

(Die Bildarbeiten - meine Damen und Herren - sehen Sie hier in der Ausstellung, die beeindruckenden Bestzeiten ihrer Urheberin über 800 Meter, 1500 Meter oder gar über 10 Kilometer Strasse entnehmen Sie bitte der Homepage von Katrin Ochs im Netz.)

Leichtathleten, Sportarenen, Stadien und Kreislaufbahnen werden da als (ab)bildwürdige Bühnen erachtet, in denen Leistungssportler und Trainer die Hauptakteure geben, ja sogar minutiös ausgeführte Portraitstudien (in Bleistift oder anders) in diese Hintergründe hineinmontiert erscheinen.

Dass das Rot und Rund jener Umlaufbahnen eine nachgerade magische Anziehungskraft auf unsere Künstlerin ausüben müssen, lässt sich unschwer an dem Sachverhalt ermessen, dass Katrin Ochs - neuerlich die bewährte Innovationsgabe und ihre Spielfreude unter Beweis stellend - sogar abgerundete Teilstücke dieser kunststoffeneo Tartanbahnen verwendet (ich hoffe, die Entnahme erfolgte nicht zu simultanen Ungunsten konkurrierender Mit- und/oder Gegenläuferinnen), um darauf aus Ölfarbe olympe Lauffiguren als teilplastische BasReliefs zu entwickeln - sozusagen Crossmedia der etwas anderen Art.

Und in der Tat ist eigentlich überhaupt nichts vor dem visuell -haptischen Zugriff dieser Künstlerin wirklich sicher, die im Jahr 2003 ein Studium zur Textildesignerin, 2007 das Studium an der hiesigen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart abgeschlossen hat.

Sie bemächtigt sich des Motivs, des Materials, der Hightech Oberflächen stadioner Tartanbahnen ebenso selbstverständlich in ihre Bildarbeiten einbeziehend, wie zuletzt noch den kindlich überkommenen Kaninchenstall, den sie modellhaft projektierend zu miniaturischen Lebens- und Arbeitsräumen umzuwidmen weiss, woraufhin die dergestalt enthausten schwarzen Häschen hellbegeistert die Flucht ergreifen (wohl bemerkt ausflüchtig nur im Bild), um sich fortan fröhlich hakenschlagend im weitläufigen Farbenpanorama von Katrin Ochs zu tummeln, wenngleich sie ebendort doch wieder Läufern-Läuferinnen auch begegnen werden, die sich wohl als ihre einstige Hasen-und-Haus-Hüterin zu entpuppen anschickt und die Eskapaden wieder in Gewahrsam zurücknimmt.

Während also Baustellen- und Laufmotive den kurzum kunstumgenutzten Hasenstall zwischenzeitlich zieren, die Kleinkarnickel traumwandlerisch vieldeutig die Bildgegenden vertauscht haben, statt durch engmaschigen Draht jetzt nur noch durch angedeutete Liniengehäuse oder vollkommen frei ins Voralbland hinauszuhoppeln drohen, thematisiert unsere Künstlerin (offenbar zum wiederholten Male autobiografische Indizien?) häusliche Baustellen selbst als motivisch wertvoll.

Papierarbeiten zeigen nämlich verdichtete Form- und Farbkompositionen, die unschwer als Bauschutt, Kacheln, in sich verschlungene Rohrkanäle und andere Leitungen zu identifizieren sind und damit - als bildliche Dokumentationen des allseits beschworenen work in progress(Fortschritt, so bleibt zu hoffen) - im Grunde ebenso im Kontext von Bewegungsbildern allgemeinerer Art (sozusagen von motion pictures) gesehen werden können, wie die eingangs erwähnten Reise- und Sportszenarien.

Dass hier Tempo, Geschwindigkeit, die Rasanz und die gleichzeitige Vielheit von Bildeindrücken, die Flüchtigkeit des Momenthaften gerade nicht (multi)medial- etwa durch den Einsatz fotografischer Mittel, von Video und Computerbearbeitung oder anderer technischer Apparaturen - umgesetzt werden, sondern in den klassischen Darstellungsmedien von Malerei und Zeichnung (samt den Katrin Ochs eigenen eigensinnigen wie eigensinnlichen Weiterentwicklungen) zum Ausdruck kommen, macht die besondere Charakteristik und Qualität dieser Arbeiten sicher aus.

Sie sind somit gezeichnete und gemalte Screenshots, Storyboards (häufig samt den darin enthaltenen schriftlichen jog-log Textkommentaren) und so dokumentare Regieanweisungen eines Wirklichen - Fortsetzung folgt.

... Und sie läuft und läuft und läuft, und sie läuft letztlich zu guter Form (in jeglicher Beziehung) auf; und dass sie und die Entwicklung ihrer Bildarbeiten weiterhin so gut verlaufen wie bisher, ist Katrin Ochs jedenfalls sehr zu wünschen.

Wenn unsereiner dann doch viel zu langsam ist, um ihr da noch irgendwie hinterherzukommen, so bieten uns mindestens die Arbeiten und die Ausstellung eine hinlängliche Chance, mit den rasanten Bildgeschwindigkeiten und Idee-Gedanken - dieser besonderen Art von motion pictures - immerhin in Teilen vielleicht noch halbwegs Schritt zu halten.

Clemens Ottnad M.A.

Kunsthistoriker und freier Kurator