Vernissage

30.09.2011, 20.00 Uhr

Begrüßung

Edgar Kuczera, 1.Vorsitzender INTER ART

Einführung

Tom und Gert Fabritius im Dialog

Ausstellungsdauer

30.09. - 22.10.2011

 

Hintergründe zur Ausstellung "Querungen"

„Querungen“ oder: Werkstattgespräche

Tom Fabritius und Gert Fabritius in der Galerie INTER ART

Am Abend des 30. September eröffnet in der Stuttgarter Galerie INTER ART eine ganz besondere Schau: Es ist die Gemeinschaftsausstellung zweier bildender Künstler, deren Werk unterschiedlicher kaum sein könnte, selbst wenn es Wurzeln gibt, die sie teilen. Sie gehören verschiedenen Generationen an, leben an verschiedenen Orten (der eine in Leipzig, der andere in Stuttgart), setzen den Schwerpunkt ihrer Arbeiten in verschiedenen Medien und, nicht zuletzt, ist auch der Begriff vom Bild bei beiden ein anderer. Zusammen führt sie die Lust am Dialog, vor allem dann, wenn es um die Sache der Bilder geht und jeder vom anderen weiß, dass er sich auskennt und versteht. So sind es ausgesprochene Werkstattgespräche, in denen sich Tom Fabritius und Gert Fabritius in den letzten Jahren einander genähert haben. In ihnen findet statt, was man als Befragung und Überprüfung des eigenen Tuns als bildender Künstler bezeichnen könnte. Insofern sind ihre Gespräche privat, sie finden im Atelier statt. Selten geht es ganz reibungslos zu, und streng genommen gehört diese Form des Austausches noch zum Werkprozess, denn oft ändert sich danach die Weiterarbeit an dem einen oder anderen Bild.

Das Publikum bekommt normalerweise von all dem nur wenig mit. Die Chance zu einem solchen Blick hinter die Kulissen bietet sich selten, bringt aber eine Unmittelbarkeit mit sich, die nicht zu vergleichen ist mit der üblichen Perspektive aus dem Podium. Eine Produzentengalerie, wie die Galerie INTER ART in Stuttgart, ist in besonderer Weise für die Ausrichtung eines solchen „Backstage“ geeignet. Sind doch hier mehr als in jedem Museum, jeder Sammlung oder Stiftung die Künstler selbst am Werk und bieten an, ihnen gelegentlich über die Schulter zu schauen.

So verlagern Tom Fabritius und Gert Fabritius ihr Werkstattgespräch erstmals in die Räume einer Galerie. Angelegentlich zeigen sie eine kleine Auswahl jüngst geschaffener Arbeiten, die für drei Wochen als Ausstellung unter dem Titel „Querungen“ zu sehen sein wird. Am Eröffnungsabend werden die beiden miteinander diskutieren oder, besser gesagt, streiten über Malerei und Zeichnung, über Politik und Medien, über Fernsehbilder und verschwommene Realitäten, über Impulse und Beweggründe, Bilder zu schaffen, die sich nicht immer von selbst malen, sondern oft errungen werden müssen.

Tom Fabritius, 1972 in Radeberg geboren, gehört dem Kreis der jüngsten Generation der „Leipziger Schule“ an, die in den letzten zehn Jahren nicht nur den deutschen Kunstmarkt entscheidend mitgeprägt hat. Die erfrischend leicht und hell dahingemalten Aquarelle (12 x 12 cm), die er bei INTER ART zeigt, generieren sich aus dem Dickicht der stetig wachsenden, medialen Bilderflut, die uns täglich passiert. Was so mancher als müdes nächtliches Zappen durch die Fernsehkanäle praktiziert und dabei nach Sätzen, Bildern oder Szenen sucht, an denen man sich vor dem Einschlafen noch entlanghangeln kann, bevor sie dann wieder vergessen werden, ist für Tom Fabritius etwas, an dem sich seine Kunst entzündet. Nicht alles darf dem Vergessen Preis gegeben werden. Eindrucksvolle Bilder – eindrucksvoll aus verschiedensten Gründen – werden memoriert, ihre flüchtige Präsenz photographisch festgehalten und ins Medium der Malerei oder des Aquarells transferiert. Was auf den ersten Blick wie ein Nachschaffen ausschaut, ist weit mehr als das. Denn das flimmernde Bild, einmal seines immateriellen, ständig bedrohten und beiläufigen Daseins enthoben, gewinnt unter der Hand des Künstlers eine andere Präsenz. Es wird haptisch, ist greifbar, kann in Ruhe betrachtet werden und ist (in dieser Stillstellung) zugleich seinem ursprünglichen Kontext entzogen. Es ist, als könnten wir erst jetzt tatsächlich über das Bild als Bild reden, es fassen, ihm Raum geben und es im Gedächtnis bewahren. Schön an diesem Prozess ist besonders die scheinbare Absichtslosigkeit, mit der Tom Fabritius die transparente, fließende Aquarellfarbe aufs Papier bringt und damit in den Bildern etwas von ihrem ersten Aufscheinen bewahrt.

Gert Fabritius, 1940 geboren und aus Siebenbürgen stammend, ist vor allem für seine unkonventionellen, auf Leinwand gezogenen Holzschnitte und die aus Druckstöcken bestehenden Assemblagen bekannt. Motive wie Boot, Stuhl und Engel gereichen ihm immer wieder als Chiffren seines Weltentwurfs. Auf all dies wird aber in dieser Ausstellung verzichtet. Bewusst zeigt sich der Künstler von anderer Seite: Als Zeichner, skizzierend, gedankenverloren, so wie er viel seltener wahrgenommen wird. Der Fokus liegt auf einer Gruppe männlicher Gestalten. Ihrer Kleidung beraubt und auch aller übrigen Dinge entledigt, stürzen sie freudig oder verängstigt, überrascht oder fest konzentriert, verkrampft oder lässig entspannt durch einen ortlosen Raum, dessen Anziehungskräfte nicht unerheblich zu sein scheinen. Ein fester Zug nach unten geht durch jedes Bild – was die Protagonisten dort erwartet, bleibt unklar. Man fühlt sich an Alices Sturz durch das Kaninchenloch erinnert. Unter dem Titel „Freier Fall“ legt Gert Fabritius einen Zyklus vor, in dem er auf das jüngste Geschehen an der amerikanischen Börse reagiert. Die erhitzte Berichterstattung und die apokalyptischen Prognosen, die tagelang ein Aus-der-Welt-fallen vorzeichneten, finden hier ironische Spiegelung. Beruhigend, glaubt man. Gut, Distanz zu üben! Wüsste man nicht, dass der Künstler gerade in der Zeichnung den Ort erkennt, an dem sich Grundsätzliches formuliert.

Vielleicht sollte am Abend des Werkstattgespräches zwischen Tom Fabritius und Gert Fabritius in der Galerie INTER ART nicht nur über Zeichnung und Aquarell, Politik, Medien und Verhaltensmuster, sondern auch über das Flüchtige, das Festhalten und das Bleiben gesprochen werden. Die Bilder beider geben allen Anlass dafür und künden von den „Querungen“, die uns versprochen werden. (Heinke Fabritius)